Meine Bewerbungsrede auf dem Landesparteitag am 27. März 2021 (leicht gekürzte Fassung)

© Marlene Langholz-Kaiser

Ich bin nun schon seit fast 10 Jahren kommunalpolitisch aktiv.

Und ich kann eins sagen: all das, was wir gesamtgesellschaftlich erleben, das erleben wir auch in der Kommune: der verstärkte Zuspruch für unsere Themen, aber auch eine zunehmende Verhärtung gesellschaftlicher Auseinandersetzungen, die Verbreitung alternativer Fakten und das Erstarken von Verschwörungstheorien.

Ich bin der Überzeugung, dass es nie wichtiger war als heute politisch für unsere Themen einzustehen und zu kämpfen.

Als Europawissenschaftlerin bin ich auch deswegen bei den Grünen gelandet, weil wir nicht national denken, sondern europäisch. Die EU steht heute zunehmend unter Druck: Der endgültige Austritt Großbrittaniens aus der Union ist erst einige Monate her. Und auch in anderen Ländern machen sich Euroskepsis und -ablehnung breit.  

Und es wird in der nächsten Legislatur von entscheidender Bedeutung sein, dass wir die Idee der Europäischen Union mit Leben füllen und dass wir für europäische Lösungen streiten. Und dafür brauchen wir Europapolitiker*innen im Bundestag und müssen als Fraktion, eine kohärente Europastrategie entwickeln, damit wir den Integrationsprozess weiter vorantreiben können, statt den Status Quo nur zu verwalten.

Und wir brauchen dringend eine klare Haltung gegenüber Demokratiefeinden – in Ungarn, Polen und in der Türkei. Kein Herumlavieren und Verteidigen von autokratischen Regierungschefs – wie es die Bundesregierung in den letzten Jahren getan hat. Die Abschaffung elementarer Grundrechte von Frauen und Minderheiten dürfen wir nicht akzeptieren.

Und Europäische Integration findet auch bei uns in Schleswig-Holstein und in der Grenzregion statt – dort wo Menschen sich täglich grenzüberschreitend begegnen.

Ich selbst lebe seit einigen Jahren mit meiner Familie nur zwei Kilometer von der deutsch-dänischen Grenze entfernt, und seit 2015 können wir beobachten, wie diese Grenze wieder sichtbar und spürbar geworden ist. Ich möchte im Bundestag auch daran arbeiten, dass wir uns bilateral wieder mehr annähern und in Zeiten von Krisen andere Mittel finden, als die eigentlich überwundenen, nationalen Grenzen wieder hochzuziehen.

Wir brauchen in den Grenzregionen offene Grenzen und wir brauchen neue Formen der Kooperation, damit wir das, was wir uns über Jahrzehnte erarbeitet haben, nicht einfach wieder verlieren, Absichts- und Freundschaftserklärungen reichen hier nicht mehr!

Neben der Politik war die Arbeit an der Hochschule für mich in den letzten Jahren ein wichtiger Teil meines Lebens.

Und im vergangenen Jahr wurde noch einmal sehr deutlich, welch wichtige Funktion Wissenschaft und Forschung für die Gesellschaft und für unsere Demokratie erfüllen.

Gegen Ignoranz hilft Aufklärung, bei der Bekämpfung der Pandemie hilft es, sich auf die Erkenntnisse der Wissenschaft zu stützen. Das gleiche gilt für die Bekämpfung der Klimakrise. Wissenschaft und Forschung ersetzen keine Politik. Aber sie erweitern unsere politischen Möglichkeiten. Und das ist es, was wir jetzt brauchen: Mehr Möglichkeiten.

Ich durfte in den letzten Jahren mit Studierenden aus der ganzen Welt zusammenarbeiten. Und kann daher aus Erfahrung sagen: wir brauchen ein Wissenschaftssystem, dass Perspektivenvielfalt stärker fördert und die Grundlage hierfür sind Offenheit und Internationalität sowie Chancengerechtigkeit.

Und wir müssen auch ran an die Arbeitsverhältnisse in der Wissenschaft. 93 Prozent Befristungen bei den Nachwuchswissenschaftler*innen sind nicht akzeptabel. Wir müssen hier Gesetzesänderungen auf den Weg bringen, die dieses Befristungsunwesen stoppen. Denn es führt dazu, dass viele gut ausgebildete Menschen sich gegen eine Karriere im Wissenschaftsbereich entscheiden. Allen voran Frauen.

Wir können uns die Trippelschritte, die wir im Bereich der Gleichstellung in den letzten Jahren gemacht haben, nicht mehr leisten. Wir brauchen endlich verbindliche Vorgaben für die Erhöhung des Frauenanteils in den Forschungseinrichtungen, an die die Auszahlung von Fördermitteln gebunden werden müssen.

Und wir brauchen auch mehr Forschung für den Wandel. Und diese findet nicht im Elfenbeinturm statt, sondern ist beteiligungsorientiert und versucht Lösungen zu finden im Austausch mit Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft.

Ein Bereich, in dem sich dieser Ansatz gut eignet, ist die Meeresforschung. Unsere Meere sind akut bedroht durch Überfischung, Vermüllung, durch Einträge aus der Landwirtschaft, durch Munitionsaltlasten, Übersauerung und Erwärmung. Aber all diese Probleme sind kaum sichtbar und beteiligungsorientierte Forschung kann hier helfen, die Menschen zu sensibilisieren, wenn sie entsprechend gefördert wird.

Ich möchte, dass der Meeresschutz in der zukünftigen Bundesregierung weit oben auf die Agenda kommt. Wir brauchen eine deutliche Ausweitung von Schutzgebieten und müssen dafür sorgen, dass hier keine industrielle Nutzung mehr stattfindet. Wir müssen Klima- und Meeresschutz zusammendenken und unsere Ansätze auf Bundesebene mit dem Land und der EU zusammenführen.

Diese Bundestagswahl ist anders!  Menschen orientieren sich neu. Das ist eine große Chance für uns. Ich möchte, dass wir Sie ergreifen. Dazu müssen wir alle politischen Themen abdecken, damit uns die Transformation gelingt. Und unsere Transformation ist sozial-ökologisch, sie ist aber auch feministisch und sie ist europäisch! Dafür möchte ich mit Leidenschaft im Bundestag kämpfen.

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