Die Flensburger Schiffbau-Gesellschaft – Europäische Perspektiven für eine Werft in bewegten Gewässern

Die Flensburger Werft blickt auf eine lange und erfolgreiche, fast 150-jährige Geschichte zurück. Der Betrieb ist fester Bestandteil der Stadt Flensburg und ihres Selbstverständnisses und bereits seit Langem ein zentraler wirtschaftlicher Faktor: sowohl als Arbeitgeber für viele hundert Werftarbeiter*innen als auch als Auftraggeber für zahlreiche Zulieferbetriebe.

Der Schiffbau steht seit vielen Jahren vor großen Herausforderungen und hat sich stetig weiter internationalisiert. Die Konkurrenz auf den Weltmärkten ist durch Dumping-Produktionen asiatischer Werften härter geworden. Schiffe werden heute auf der ganzen Welt in Auftrag gegeben und können oftmals kostengünstiger in anderen Ländern hergestellt werden als bei uns vor Ort.

Zudem war der Schifffahrtsbereich durch spekulative Überhitzung geprägt. Werften bekamen viele Aufträge, die durch Reedereien nicht finanziert werden konnten. Viele norddeutsche Werften sind deshalb existentiell gefährdet und auch für die Flensburger Werft waren die letzten Jahre nicht einfach: Insolvenz, Eigentümerwechsel, Transfergesellschaft und Arbeitsplatzabbau haben Unsicherheiten geschaffen. Der Flensburger Schiffbau wurde mehrfach durch Bürgschaften durch das Land Schleswig-Holstein gestützt. Die Mitarbeiter*innen der FSG blicken jedoch weiterhin zuversichtlich in die Zukunft.

Mit momentan 370 hochwertigen Arbeitsplätzen und einem gewerkschaftlichen Organisationsgrad von über 90% ist die Werft ein attraktiver Arbeitgeber. Aus unserer Sicht hat die FSG mit den richtigen Weichenstellungen noch eine große Zukunft vor sich. Wir wollen unserer FSG eine Perspektive geben, die bestehenden Arbeitsplätze sichern und durch eine Weiterentwicklung weitere gut bezahlte Arbeitsplätze entstehen lassen.

Globale Entwicklungen erkennen

Der internationale Seeverkehr ist eine ernstzunehmende Quelle von Treibhausgasemissionen und für fast 3 % der globalen Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. Wäre der Schifffahrtssektor ein Land, wäre er das sechstgrößte emittierende Land der Welt, noch vor allen EU-Mitgliedstaaten einzeln betrachtet.

2018 haben die Mitgliedsstaaten der UN-Seeschifffahrts-Organisation IMO (International Maritime Organisation) einen konkreten Fahrplan zur CO2-Reduzierung beschlossen, wonach die Schifffahrt ihre globalen CO2-Emissionen im Vergleich zu 2018 bis 2050 mindestens halbieren soll. In den Plänen des Europäischen Green Deal spielt der Seeverkehr ebenfalls eine große Rolle und das Europäische Parlament hat eine Reduzierung der Emissionen von mindestens 40 % bis 2030 (im Vergleich zu 2018) beschlossen. Der Seeverkehr soll zudem in das Europäische Emissionshandelssystem aufgenommen werden.

Der Innovationsdruck auf die Schiffbaubranche wird in Zukunft stark anwachsen. Die Pariser Klimaziele werden wir nur mit einer Umstellung der Schifffahrtsbranche erreichen. Ohne innovative Werften wird diese Umstellung nicht gelingen.

Neue Perspektiven entwickeln und Innovationsvorsprung nutzen

Der Europäische Green Deal ist eine Chance für die FSG. Die Flensburger Werft verfügt bereits über Expertise in den Bereichen nachhaltiger Antriebe sowie innovativer Schiffbau-Konstruktionen und hat großes Potential, darauf aufzubauen und von den beschriebenen Entwicklungen zu profitieren.

Um nicht von den enormen Kostenvorteilen und einem hohen Grad an Massenfertigung internationaler Werftstandorte wie z.B. in China abgehängt zu werden und für die beschriebenen anstehenden Veränderungen des globalen Marktes vorbereitet zu sein, sollte die Werft das vorhandene Potential nutzen und für die Zukunft planen.

In den vergangenen Jahren hat sich die FSG vor allem auf die Fertigung sogenannter RoRo-Fähren (Roll on Roll off) konzentriert, nach gebauter Tonnage (Maß für die Ladekapazität eines Schiffes) ist das Unternehmen in diesem Segment Weltmarktführer. Bereits jetzt zeichnen sich die in Flensburg gebauten Fähren durch einen vergleichsweise geringen Kraftstoffverbrauch sowie Rumpfkonstruktionen mit einem geringen Stömungswiderstand aus.

Die  Schiffbaubranche wird in Zukunft insgesamt von einer Umstellung auf innovative und langfristig emissionsfreie Schiffstypen enorm profitieren. Mit dem bereits vorhandenen Know-how und Kompetenzen kann es nur logisch sein, den Innovationsvorsprung der FSG in diesem Bereich auszuspielen und auszubauen.

Wir möchten die Innovationsfähigkeit der FSG nutzen. Schiffbau und innovative Forschung müssen mehr als bisher zusammengedacht und die Kooperationen zwischen Hochschulen und der Werft intensiviert werden. Mit der Entwicklung innovativer und zugleich hochwirtschaftlicher Schiffsantriebe kann die FSG ihre Rolle auf dem Werftenmarkt ausbauen.

Politischen Gestaltungswillen und Fördermöglichkeiten nutzen

Mit dem Europäischen Green Deal hat die EU-Kommission mit Ursula von der Leyen an der Spitze den Rahmen für die europäische Klima- und Wirtschaftspolitik der nächsten Jahre gesetzt. Nachhaltigkeit und Klimaschutz werden zunehmend auch im Seeverkehr sowie im Schiffbau eine große Rolle spielen. Im neu aufgelegten EU-Programm “Horizon Europe” (2021-2027) sollen u.a. emissionsfreie Lösungen im Schifffahrtssektor vorangetrieben und die Effizienz verbessert werden. Die Maßnahmen zielen darauf ab, dass der Energie- und Verkehrssektor klima- und umweltfreundlicher, effizienter und wettbewerbsfähiger, intelligenter, sicherer und widerstandsfähiger wird.

Mitte Juli 2021 wird die EU-Kommission zudem ihren Vorschlag zur Einbeziehung des Schiffsverkehrs in den Emissionshandel (ab 2022 oder 2023) vorlegen. Dies wird einen Markt für emissionsfreie Schiffe schaffen. Das Europäische Parlament und Teile der maritimen Wirtschaft fordern bereits, Teile der Einnahmen aus dem Emissionshandel für einen maritimen Fonds einzusetzen, aus denen innovative Entwicklungen für emissionsfreie Schifffahrt gefördert werden sollen.

Durch den schleswig-holsteinischen Anteil an dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (44,3 Mio. €) stehen weitere Fördermöglichkeiten durch die EU im Land bereit.

Für die FSG bedeuten der Europäische Green Deal und die damit verbundenen Fördermöglichkeiten eine Chance, die gute Ausgangsposition im Bereich des innovativen Schiffbaus und nachhaltiger Antriebe weiter auszubauen und sich langfristig gut aufzustellen.

Schleswig-Holstein kann mit seinen erneuerbaren Energien und der Unterstützung der EU zu einer Modellregion für ein nachhaltiges Europa werden.

Wenn wir von umweltfreundlicher Mobilität sprechen, ist für uns im Norden und im Land zwischen den Meeren klar, dass wir den Schiffverkehr nicht außen vor lassen. Die FSG ist seit fast 150 Jahren fest in der Region verankert und soll dies auch viele weitere Jahre bleiben.

Europäische Förderung mit Bundesunterstützung nach Flensburg holen –

Die FSG zur Modellwerft für den Green Deal machen

Wir schlagen deshalb vor, die FSG zur Modellwerft für den Europäischen Green Deal zu machen. Das Land Schleswig-Holstein und die Bundesregierung sollten gemeinsam einen Projektantrag in Brüssel auf dem Weg bringen, in dem sie die FSG mit Partner*innen aus der Wissenschaft und im Werftenverbund zur Europäischen Modellwerft für den Green Deal erklären.

Anstatt allein durch Bürgschaften den Bau von Schiffen in Flensburg abzusichern, wollen wir mit einem klugen Projektantrag den nächsten Schritt für die FSG gehen. Unser Ziel ist, Flensburg zum Standort für emissionsfreien Schiffbau zu machen.

Die FSG würde dadurch wieder wachsen und zusätzliche gut bezahlte Arbeitsplätze würden entstehen. Die aktuell ca. 370 Arbeitsplätze wollen wir mittelfristig verdoppeln und somit mindestens das Niveau vor der Krise erreichen.

Darüber hinaus wollen wir die Werft zur Ausbildungswerft für nachhaltigen Schiffbau machen. In Flensburg könnten 20 neue Ausbildungsplätze entstehen. Zudem wollen wir die Forschungsabteilung der FSG im Zusammenspiel mit maritimen Forschungseinrichtungen ausbauen.

Rasmus Andresen
Europaabgeordneter

Robert Habeck
Bundesvorsitzender

Marlene Langholz-Kaiser
Kreisvorsitzende Flensburg

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